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Tira

Zwei Geschwister. Sie laufen im Abendrot über einen großen runden Platz am Rande einer Ruinenstadt, mitten in einer weiten Landschaft. Ihnen auf den Fersen eine Gruppe undeutlicher Gestalten. Sie schaffen es, sich in einer Steinkammer unterhalb des Platzes zu verstecken. Einer aus der Gruppe entdeckt sie, hält jedoch inne. Er könnte sie verraten. Stattdessen führt er die anderen Gestalten fort und lässt die Geschwister im Verborgenen zurück.

In eine Tuffsteinwand gehauene Grabkammern mit zwei dunklen Eingängen, umgeben von Efeu, Büschen und hohem Gras
Etruskische Portikusgräber (6.–5. Jh. v. Chr.), Regionalpark Marturanum. Foto: Virgilio Merisi

Ausgehend von dieser Traumszene entwerfe ich mit Tira eine Performance zwischen Lesung und Konzert.

Die Handlung folgt der 17-jährigen Tira, die als Teil einer Daila, einer nomadisch umherziehenden Gemeinschaft, in einer prähistorischen Welt lebt. Seit Urzeiten folgen sie einem riesenhaften Vogel mit Namen Maugrin auf seinem rastlosen Weg über die Welt. Als er sie in das Land südlich der Großen Berge führt und kurz darauf verschwindet, droht die Gemeinschaft zu zerbrechen. Um Maugrin wiederzufinden, tritt Tira Hand in Hand mit ihrer kleinen Schwester Gwen eine Reise an, die ihnen schließlich die wahre Verbindung zwischen Maugrin und der Daila enthüllt. Sie sind gezwungen, eine schmerzhafte Entscheidung zu treffen.

Neben Details der erzählten Welt recherchiere ich vor allem zu zwei Themen: Gesang als kulturelle, identitätsstiftende Praxis, und Identität abseits eines binären Geschlechtersystems.

Schwarze Silhouette einer tanzenden Gestalt mit strahlenförmigem Kopfschmuck und geschwungenen Gliedmaßen
Schamane, Pittogramm aus der Grotta dei Cervi (Porto Badisco), Neolithikum. Nachzeichnung: Florix

Thema: Gesang

Gesang spielt innerhalb der Geschichte eine wichtige Rolle: Er schafft Zusammenhalt und Verbindung innerhalb der Daila, spendet den Geschwistern Trost auf ihrer Reise, hilft ihnen, bei neuen Begegnungen Vertrauen zu fassen.

Nicht ohne Grund wurden den größten Teil der Menschheitsgeschichte über Geschichten im Einklang mit Musik und Melodie erzählt. Musik ist, viel mehr als Sprache, eine fließende Art der Kommunikation. Sie spricht uns da an, wo Gefühle noch nicht in Worte gefasst sind, und hat einen direkten Zugang zu unserem Unbewussten, ohne den Umweg des Verstandes zu gehen. In Gesangsimprovisationen und der Vertonung von Texten erkunde ich, wie ich mithilfe von Musik Genderfluidität ausdrücken und der Daila und Tira eine Stimme geben kann.

Thema: Genderfluidität

Patriarchat, Matriarchat: Diese modernen Konzepte behaupten, Männer und Frauen hätten festgelegte Wesenszüge und müssten einander stets beherrschen. Neuste archäologische Erkenntnisse legen nahe, dass den Menschen ein binäres Geschlechtersystem im modernen Sinne einst fremd war. Frakturen und Verletzungen von untersuchten Skeletten aus der Steinzeit zeigen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aus der ethnografischen Literatur sind Frauen überliefert, die jagen, teilweise sogar mit Baby auf dem Rücken. Wichtiger als sein Geschlecht ist vermutlich die Rolle gewesen, die ein Mensch in einer Gruppe einnimmt — und die war nicht festgelegt, sie konnte sich verändern. Kleine Plastiken von Körpern, die geschlechtlich uneindeutig sind, geschnitzte Mischwesen, halb Mensch, halb Tier — vieles spricht dafür, dass Identität die längste Zeit der Menschheit über fluide war: ein Kontinuum zwischen Mensch und Mensch sowie zwischen Mensch und Tier. Denn dass der Mensch als Krone der Schöpfung über den Tieren steht, ist eine weitere moderne Konstruktion.

Wie erzähle ich Genderfluidität, ohne das Thema zu problematisieren und in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen? Wie beschreibe ich die Rolle der Mutter, des Sammlers oder der Kämpferin unabhängig von einem „biologischen Geschlecht“? Was ist ein passender Erzählstil in einer Sprache, deren Klang und Poesie ich liebe, die jedoch stark von unseren modernen Geschlechterbildern geprägt ist und mit Personalpronomen und dem -in-Suffix einen Spalt zwischen die Geschlechter schlägt?

Sitzende Tonfigur mit maskenhaftem, vogelartigem Kopf und großen Augen, der Körper mit eingeritzten Linien verziert
Sitzende Tonfigur, Vinča-Kultur, 4500–4000 v. Chr., British Museum. Foto: Michel wal, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons